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Dienstag, 17. April 2012

Brasilien: Ethanolbranche

Cosan, ein brasilianischer Zucker- und Ethanolkonzern, hat für 100 Mill. $ in Großbritannien die Esso - Tochter Comma, einen Herrsteller von Schmiermitteln, übernommen.  Was will Cosan mit der Übernahme erreichen? Das Unternehmen ist der weltweit größte Zuckerkonzern mit so viel verarbeitetem Zucker wie Australien, dem weltweit drittgrößten Exporteur der Branche. Cosan will den weltweiten Markt und den Vertrieb für aus dem Energieträger Ethanol gewonnenen Produkte weiter ausbauen.
Auch andere Ethanolkonzerne wollen eine erweiterte Wertschöpfungskette aufbauen. Niemand macht das allerdings so konsequent wie Cosan. Das dazu notwendige Kapital verschaffte sich das Unternehmen mit seinem Börsengang 2006. Zunächst ging es darum, brasilianischer Marktführer für Zucker und Ethanol zu werden.
2009 erwarb Cosan für 1 Mrd. $ das brasilianische Tankstellennetz von Esso. Dieser Erwerb war die Grundlage für einen weiteren Expansionsschritt. 2010 fusionierte Cosan mit Shell in Brasilien. Durch die Fusion entstand der größte Produzent von Biotreibstoffen weltweit mit einem Unternehmenswert von 12 Mrd. $. Außerdem haben Cosan und Shell in Brasilien ein Netz von 4500 Tankstellen. Künftig verfügt das brasilianische Unternehmen weltweit über eine Wertschöpfungskette von der Zuckerrohrplantage bis zur Tankstelle. Shell wird nämlich weltweit brasilianischen Biotreibstoff in allen Ländern mit Beimischungen von Ethanol zum Benzin anbieten.
Mit dem Erwerb von Comma erfolgt nun ein weiterer Expansionsschritt. Cosan hat nun einen Distributionskanal für höherwertige, aus Ethanol raffinierte Derivatstoffe. Es ist eine neue Branche entstanden, die auf die Preisschwankungen von Zucker und den internationalen Ölpreis reagieren kann, eine Folge der auseinanderlaufenden Interessen der Mitglieder des mächtigen brasilianischen Verbandes der Zuckerproduzenten, Unica.
Neben Cosan haben auch BP und Petrobras durch Übernahmen und Joint Ventures mit brasilianischen Zucker- und Ethanolunternehmen ihre Wertschöpfungskette erweitert. Petrobras hat eine neue Produktionsanlage für Ethanol entwickelt. Diese steigert den Ethanolertrag pro hektar um 40 Prozent.
In der weltweiten Chemieindustrie erwächst eine ernstzunehmende Konkurrenz. Dow Chemical baut gemeinsam mit Mitsui in Brasilien mit eigenen Plantagen als Rohstoffquelle die weltweit größte Anlage für Biopolymere auf. Auch der brasilianische Chemiekonzern Braskem hat zwei kleinere Raffinerien aus Ethanolbasis. Ein Dutzend anderer Konzerne baut gründe Chemieanlagen auf. Bis Ende 2012 dürften etwa 5 % der brasilianischen Ethanolproduktion chemisch verarbeitet sein.
Die Investitionen der Industrie in neue Produkte und Vertriebswege findet keine ungeteilte Zustimmung. Marcos Fava Neves von der Universität Sao Paulo befürchtet eine Vernachlässigung der dringend nötigen Expansion der Ethanolproduktion. Wegen der geringen Ethanolproduktion steckt die brasilianische Branche seit fünf Jahren in einer schweren Krise. Brasilien kann sich selbst nicht mehr mit Ethanol versorgen. 2011 musste erstmals Alkohol aus den Vereinigten Staaten importiert werden.
Der Grund für den Alkoholmagel beruht auf fehlenden Zuckerrohrkapazitäten. Infolge von drei Dürrejahren und fehlender Investitionen produzieren die Plantagen zu wenig Zuckerrohr. Trotz reduzierter Investitionspläne in der Krise von 2008 hat sich die Branche noch nicht erholt. Nach dem Zusammenbruch der Ölpreise, der massiven Investitonen inder Boomphase 2006 und entsprechender Verschuldung mussten viele Produzenten Insolvenz anmelden.
Nach dem erheblichen Anstieg der Zuckernotierungen auf einen neuen Rekordpreis mit anschließender Verringerung der Ethanolproduktion produzierten die Unternehmen mehr Zucker als Ethanol. Der Ethanolmangel wird sich nicht so schnell ändern. Zur Deckung seines Eigenbedarfs benötigt Brasilien jährlich 15 neue Plantagen mit Destillerien. Es dauert jedoch fünf Jahre bis eine solche Plantage mit angeschlossener Fabrik kapazitätsauslastend produziert.
Es lohnt sich immer weniger, Bioalkohol zu produzieren. Statt 0, 17 $ wie vor zehn Jahren betragen die Produktionskosten heute 0, 70 $. Auch andere Produktionsfaktoren wie Preise für Agraflächen, Arbeitskräfte, Dünger, Energie und der Wert des Real sind erheblich angestiegen.
Nur wenn das Ethanol 30 Prozent billiger als Benzin ist, lohnt es sich für die brasilianischen Autofahrer. Zur Bekämpfung der Inflation hält die brasilianische Regierung den Benzinpreis niedrig. Die Produzenten weiten wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten ihre Produktion nicht aus. Stattdessen verkaufen sie lieber Zucker auf dem Weltmarkt und investieren in neue Vertriebswege oder höherwertige Produkte für Ethanol.
Im Gegenzug nutzen ausländische Konzerne die Krise, um ihre Präsenz in Brasilien auszuweiten. In den vergangenen vier Jahren haben sie 20 Mrd. $ investiert. Nach einer Prognose des Zuckerverbandes Unica werden 2015 40 Prozent des Ethanols in Brasilien ausländische Konzerne verarbeiten. Aktuell beträgt der Anteil rund 25 Prozent.
Aber auch die ausländischen Konzerne können Ethanol nicht rentabel produzieren. Teilweise wollen sie ihre <produktionsanlagen wieder verkaufen.

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