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Samstag, 24. Dezember 2011

Mindelo / Sao Vicente

Mein Schiff liegt im Hafen Mindelo auf Sao Vicente. Im Hafeninfo heißt es:
"Mindelo ist mit rund 70.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt auf den Kapverdischen Inseln, die im Zentralatlantik 480 Kilometer vor der westafrikanischen Küste liegen und aus 15 Inseln bestehen. Neun davon sind bewohnt. Die Hafenstadt liegt an einer schönen, großen Bucht im Norden der 227 Quadratkilometer großen Insel Sao Vicente. Sie ist die am dichtesten besiedelte Insel des Archipels und gehört zu den fünf nördlichen Inseln, die auch unter der Bezeichnung Barlavento Inseln zusammengefasst werden. Die Hafenstadt Mindelo ist zugleich Wirtschafts- und Kulturmetropole der Kapverden und gibt Sao Vicente ein durchaus städtisch geprägtes Gesicht.
Sehenswürdigkeiten

Bunter Mischmasch der Kulturen
Mal afrikanisch, mal portugiesisch und dann wieder britisch: In Mindelo vermischen sich Stil, Kultur und Geschichte der Kapverdischen Inseln. Dabei ging es in der Hafenstadt schon immer etwas bunter und schriller zu, als auf den anderen Inseln. Denn der Porto Grande, der Tiefseehafen von Mindelo, war für die Inselgruppe von Anfang an das Tor zur Welt. Und die Welt kam gern nach Mindelo. Ende des 19. Jahrhunderts zählte der Hafen eine Zeit lang sogar zu den größten der Welt - mit allen Begleiterscheinungen, die dazugehören. So galt Mindelo damals nicht nur als geschäftigste, sondern auch sündigste Meile weit und breit. Doch in dieser Boomzeit entstanden viele der Bauwerke, die noch heute das Bild der Stadt prägen. Vom Fortim d'el Rei oberhalb des Hafens ist allerdings nur noch  eine verstaubte Ruine übrig geblieben. Das Fort, das seit 1852 den Hafen bewacht, soll aber auf absehbare Zeit restauriert werden. Direkt am Hafen ist der Mercado de Peixe, der alte Fischmarkt, einen Besuch wert. In den alt ehrwürdigen Mauern herrscht ein Ständiges Kommen und Gehen, denn die Fischer bieten ohne Umwege ihren Fang des Tages an. Sehr oft handelt es sich dabei um Tunfisch.

Der Turmbau zu Mindelo
Der Torre der Belèm ist ein Nachbau des gleichnamigen Turmes in Lissabon. Er steht an der Uferstraße, der Avenida da Republica, an der einige schöne Herrenhäuser  englischen und schottischen Ursprungs  zu entdecken sind. Im Gegensatz zu seinem Vorbild, das bereits im 15. Jahrhundert entstand, erblickte die Kopie des Turmes erst 1937 das Licht der Welt. Nachdem sich im Mutterland die Diktatur etabliert hatte, sollten die Kapverden ihre britische Note verlieren und zumindest etwas "portugieischer" werden - deshalb der Turm und das noch immer gut sichtbare portugiesische Wappen darauf. Die auffälligen Verzierungen an Fassade und Fensterrahmen, die vielfach maritime Motive zeigen, sind typisch für den Stil der Neo Manuelinik, mit dem bis ins 20. Jahrhundert hinein in Portugal an die Ornamentik von Manuel I. angeknüpft wurde. Der König hatte diesen Stil während seiner Regentschaft Anfang des 16. Jahrhunderts zur Perfektion gebracht. In der Nähe ist eine Bronzebüste des Entdeckers von Sao Vicente, des portugiesischen Seefahrers Diego Afonso zu sehen. Auf einem Sockel stehend  hält er natürlich sein wichtigstes Werkzeug  in den Händen - einen Sextanten. Einen schönen Eindruck vom Leben in der Stadt gibt das riesige Wandgemälde an der Agencia Nacional de Viagens. Hier hat der Künstler Antonio Conceicao ein herrliches Stück Alltagskultur geschaffen. Sein überdimensionales Werk zeigt Szenen aus Mindelo, wie sie sich Tag für Tag ereignen. Kunst und Kultur  werden auch im Centro Cultural de Mindelo gepflegt. Das Kulturzentrum ist im alten Zollhaus der Stadt untergebracht. In der Nähe des schönen Esplanada Parks gibt es noch zwei erwähnenswerte Denkmäler. Das Fliegerdenkmal, das einen riesigen Adler zeigt, erinnert an die Piloten Gago Coutinho und Sacadura Cabral, die bei ihrer Erstüberquerung des Südatlantiks in einem Flugboot in Mindelo zwischenlandeten. Die Marmorsäule an der Avenida Amilcar Cabril ist eine Arbeit des Bildhauers Joao Cutileiro. Sie ist zum Gedenken an den 500. Jahrestag des Vertrages von Tordesillas aufgestellt worden, mit dem Spanien und Portugal unter Billigung des Vatikans 1494 die Welt untereinander aufgeteilt hatten.

Afrika dominiert die Altstadt
Der afrikanische Einfluss ist in der Altstadt rund um den Pracinha Igreja mit der Kirche Nossa Senhora de Luz am deutlichsten zu spüren. Das Gotteshaus im kolonialen Stil besitzt eine recht nüchterne und schnörkellose Fassade. Gerade das ist typische für diese Bauweise, die viele barocke Stilelemente wieder aufnahm. Die Kirche, die 1862 eine zu klein gewordene Kapelle ersetzte, ist auch ein Beleg dafür, dass der katholische Glaube in dieser Zeit an Bedeutung zunahm. Die beiden Glockentürme sind seitlich angebracht und weisen einige Verzierungen auf, die maurischen Einfluss vermuten lassen. Der Platz vor der Kirche ist ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen - nicht nur vor und nach den Gottesdiensten. In den kleinen Gässchen der Altstadt weht ein Hauch von Afrika, der sich verstärkt, je näher man der Praca Estrela kommt. In den vielen Cafès ist eigentlich immer etwas los und an den mittlerweile fest installierten Marktständen bieten afrikanische Händler ihr Sortiment feil: Kleider, Sonnenbrillen, aber auch viele kunsthandwerkliche Gegenstände wie handbemalte Fliesen. An zahlreichen Ständen wird frisches Obst verkauft.

Spuren kolonialer Vergangenheit
Das Herz der Stadt schlägt schon seit geraumer Zeit  an der Rua Lisboa, die seit der Unabhängigkeit offiziell Rua Libertadores d'Africa heißt und die wirtschaftliche Achse der Stadt ist. Erstaunlicherweise ist hier an Vormittagen am meisten los. Dann sind die Cafès gut besucht, und es ist durchaus lohnend, sich dazuzusetzen und das muntere Geschehen auf sich wirken zu lassen. Die Namen der Kaffeehäuser künden von der kolonialen Vergangenheit: Das Cafè "Portugal", "Royal" oder "Lisboa" haben sich ihr einstiges Flair erhalten, obwohl die "gute, alte Zeit" auf den Kapverden keines wegs idealisiert wird. Aus dieser Zeit stammt auch der einstige Gouverneurspalast, ein beeindruckender Bau in klassizistischer Bauweise. Er wurde in zwei Etappen errichtet: 1874 entstand das Parterre, 1929 setzte man die erste Etage oben drauf. Inzwischen ist der Palast blassrosa gestrichen. Der schöne Garten mit seinen gepflegten Anlagen lädt zum entspannten Spaziergang ein. Die zweistöckige Markthalle ist ebenfalls eine besondere Attraktion. Hier geht es scharf zu, denn an zahlreichen Ständen werden vielfach exotische Gewürze angeboten: Die Chilischoten, die so unschuldig aussehen, gelten hier als besonders feurig.

Vorzeigeviertel mit Art Deco Anklängen
Zum Vorzeigebezirk ist die Gegend an der Praca Nova geworden. Sie ist den zwanziger Jahren entstanden und das europäisch geprägte Nobelviertel der Stadt. In den großen Villen haben sich die wohlhabenden Bewohner Mindelos niedergelassen. Es herrschen Pastelltöne vor, und ein wenig erinnern die Villen mit ihren Stuckverzierungen, den verspielten Balkonen, Fenstern und Eingangsbereichen an Art Deco Viertel in anderen Städten. Inzwischen haben auch immer mehr Geschäfte und Restaurants in direkter Nachbarschaft ihren Platz gefunden. Zentraler Treff ist aber weiterhin der Quiosque Praca Nova, ein Pavillon im Jugendstil mit angeschlossenem Cafè. Das Denkmal für den berühmtesten portugiesischen Dichter, Luis de Camoes, hat bewegte Zeiten erlebt. Nach der Unabhängigkeit wurde es zunächst zornig entfernt, inzwischen steht es wieder an seinem angestammten Platz. .......

Historischer Rückblick
Sao Vicente wurde am 22.01.1462 von dem portugiesischen Seefahrer Diego Afonso entdeckt. Nach dem Vertrag von Tordesillas zählten die Kapverden auch offiziell zum portugiesischen Einflussgebiet und wurden auf dem Weg nach Südamerika zu einem wichtigen Versorgungspunkt. Viele Jahre blieb die Insel jedoch unbewohnt und diente lediglich Piraten als Unterschlupf oder den Siedlern, die auf anderen Inseln lebten, als Weideland für ihre Tiere.
Aus strategischen Gründen wurde 1795 die Besiedlung vorangetrieben. Am heutigen Porto Grande entstand eine neue Siedlung, die zunächst den Namen Nossa Senhora de Luz erhielt. 25 Jahre danach tauchte in englischen Karten erstmals die Bezeichnung Porto Grande - Großer Hafen - auf. Auf Erlass des portugiesischen Königs wurde der besiedelte Flecken von 1838 an zum Handelshafen ausgebaut und in Mindelo umbenannt. Noch entscheidender für die spätere Blüte war jedoch, dass 1850 britischen Firmen erlaubt wurde, auf Sao Vicente Kohle zu bunkern, um damit die Dampfschiffe  auf dem Weg nach Südamerika zu versorgen. So begann der Aufstieg zu einem der größten Häfen der damaligen Zeit. 
1858 erhielt Mindelo, bis dahin nur von einer Handvoll Menschen bewohnt, die Stadtrechte. 1874 wurde die Stadt auch als Knotenpunkt für das transatlantische Seekabel bedeutsam. Nur fünf Jahre später war Mindelo Hauptstadt der fünf nördlichen Kapverdischen Inseln, der Barlovento Inseln. In diesem Jahr liefen bereits 2.200 Dampfschiffe den Hafen an und die Stadt lebte dank des Handels im Hafen auf. Mindelo wurde aber auch bekannt für sein quietschfideles Hafenleben. Matrosen auf Landgang, leichte Mädchen, Kriminalität, Bars und Bordelle: Es war ein zweifelhafter Ruf, der der Stadt vorauseilte. Um 1890 traten Dakar (Senegal) und Las Palmas (Gran Canaria) in direkte Konkurrenz mit dem Hafen von Mindelo: Diesel lief zunehmend der Kohle als Schiffstreibstoff den Rang ab. Der modernere Treibstoff war in der Lagerung wesentlich weniger personalintensiv und so verloren viele Menschen ihre Arbeit. Sie wurden einfach nicht mehr gebraucht. Mindelo büßte langsam aber sicher an internationaler Bedeutung ein. 
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es dann endgültig bergab. Die meisten Firmen zogen sich von den Kapverden zurück und die Stadt verfiel in einen Dornröschenschlaf. Wegen der Sperrung des Suezkanals  zwischen 1967 und 1975 gab es zwar noch einmal ein kleines Zwischenhoch, aber die frühere Bedeutung wurde nie wieder erreicht.  Daran änderte auch nichts, dass die Kapverden 1975, ein knappes Jahr nach der Nelkenrevolution in Portugal, ihre Unabhängigkeit erhielten. Allerdings blieb der Hafen das wichtigste wirtschaftliche Standbein der Stadt. Bis heute ist Mindelo - freilich auf niedrigem Niveau - das wirtschaftliche Zentrum der Kapverden geblieben. Gleichzeitig gilt die Hafenstadt als kapverdische Kulturhauptstadt - wegen einer lebendigen Kunst- und Musikszene und des alljährlich ausgetragenen Musikfestivals."

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