Tagebch, Reisen und mehr

Dienstag, 13. September 2011

ThyssenKrupp: Stahlwerk in Brasilien

Von September 2006 bis Juni 2010 wurde für ThyssenKrupp CSA Companhia Siderùrgica de Atlàntico (TKCSA), an der ThyssenKrupp mit 73 Prozent beteiligt ist, 70 Kilometer westlich von Rio de Janeiro in der Bucht von Sepetiba im Bundesstaat Rio de Janeiro ein neues Stahlwerk, bestehend aus einer Sinteranlage, zwei Hochöfen, zwei Stranggießanlagen, einem eigenen Seehafen und einem Kraftwerk, gebaut, die größte deutsche Investition der letzten Jahre in Brasilien. Nach Presseberichten betrug die Investitionssumme 5, 9 Mrd. Euro. Das Stahlwerk  mit einer anfänglichen Jahresproduktion von fünfeinhalb Millionen Tonnen Stahlbrammen für den Export in die Vereinigten Staaten und nach Europa soll 3500 Menschen beschäftigen.
Wegen des Baus beschwerten sich seit 2007 Fischer über die Verschmutzung der fischreichen Küste; 8000 Familien befürchten durch die Baustelle und die Hafenanlagen eine Gefährdung ihrer Lebensgrundlage. Nach Ansicht von Anwohnern und von Menschenrechtsorganisationen drohen Umweltverstöße und eine Verseuchung der Bucht. Das Werk werde in einem Naturschutzgebiet gebaut. Mangrovenwälder seien illegal gerodet worden. Arbeitsbestimmungen seien verletzt worden. Behördlich angeordnete Baustopps seien umgangen worden. Öffentliche Gewässer seien privatisiert worden. Allein durch das Stahlwerk hätten die Kohlendioxidemissionen der Stadt Rio de Janeiro um 76 Prozent zugenommen.
Trotz eines offiziellen Verlangens der Menschenrechtskommission des Parlaments des Bundesstaates von Rio de Janeiro, die Daten zur Wasserqualität zu veröffentlichen, kam das Umweltamt des Bundesstaates dem Verlangen nicht nach. Der Präsident des Umweltamtes erklärte am Vorabend der Eröffnung des Stahlwerks in einer Tageszeitung, die Umweltkompensationen von ThyssenKrupp seien angemessen. Nach einer Stellungnahme des Konzerns gegenüber dem Deutschen Bundestag vom 27.01.10 hat das Umweltamt des Bundesstaates Rio de Janeiro zur Renovierung seines Dienstsitzes umgerechnet zwei Millionen Euro von ThyssenKrupp erhalten. Durch diese Zuwendung zweifelt die Anwohnervereinigung die Unabhängigkeit des Umweltamtes an. Die Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Rio de Janeiro sah darin den Anfangsverdacht einer Interessenkollision.
Nach Inbetriebnahme des Stahlwerks kam es zu Beschwerden wegen Luftverschmutzung, wegen Hustenreiz mit notwenigen Krankenhausbesuchen und wegen schweren Hautverletzungen bei spielenden Kindern. Ein Gericht verurteilte im August 2010 TKCSA wegen Verstoßes gegen brasilianische Umweltschutzauflagen des staatlichen Umweltamtes INEA zur Zahlung von umgerechnet 750000 Euro, zur Reduktion der Produktion von geplanten 6000 auf 3000 Tonnen pro Tag und zur Begrenzung des Schmelzens auf fünf Wochentage.
Im Dezember 2010 erfolgte eine Anklage gegen die TKCSA und mehrere Verantwortliche des Stahlwerks wegen massiver Umweltverstöße durch die Staatsanwaltschaft von Rio de Janeiro. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, drohen den Angeklagten bis zu 19 Jahre Haft oder Strafzahlungen oder die  komplette oder teilweise Schließung der Anlage oder der zeitweise Ausschluß von Staatsaufträgen für fünf Jahre  oder die Aberkennung von Steuererleichterungen. Nach einem Gutachten des Instituts für Geowissenschaften der Bundesuniversität von Rio de Janeiro überschritten einige Schadstoffe die zulässigen Grenzwerte in der Umgebung des Stahlwerks um bis zu 600 Prozent. Im Rahmen des vorgenannten Verfahrens ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen den Werkschutz des Unternehmens wegen der Beschäftigung von Mafiamilizen, die protestierende Fischer bedroht haben sollen.
5763 Fischer haben in sieben Sammelklagen vor einem Zivilgericht in Rio de Janeiro ThyssenKrupp wegen der Verdienstausfälle beim Fischfang auf Schadensersatz von umgerechnet 756 Mio. Euro verklagte.
Auf der Grundlage eines Erlasses des Gouverneurs des Bundesstaates Rio de Janeiro konnte das Unternehmen Mitte Dezember 2010 seinen zweiten Hochofen hochfahren. Grund für diese Maßnahme war die Furcht vor der Entlassung von 800 Arbeitern. Nach dem Hochfahren nahm die Staubbelastung erheblich zu. Wegen dieser Umweltbelastung macht das Umweltamt INEA der Konzernleitung die Auflage, innerhalb von 30 Tagen die Belastung endgültig zu beseitigen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen